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Klassische Musik und Oper von Classissima

Sergei Rachmaninow

Dienstag 27. September 2016


Crescendo

27. Mai

Ein Leben für die Musik - Boris Giltburg: Ein Leben für die Musik

CrescendoBoris Giltburg ist ein leidenschaftlicher Pianist. Und ein leidenschaftlicher Erklärer, wie die Werkeinführungen in seinem Blog zeigen. Deshalb baten wir ihn, uns höchstselbst eine Einführung in die neue CD zu schreiben.Stellen Sie sich vor, Sie könnten eine fesselnde Kurzgeschichte lesen, die visuell genauso stark wirkt wie ein guter Kurzfilm und die auch die emotionale Unmittelbarkeit eines Traumes besitzt, in dem wir Zuschauer und Protagonisten zugleich sind. Und all das wird nur durch Töne vollbracht, ohne Worte, Bildschirme oder Schlaf. So sind für mich die Études-ta­bleaux op. 39 von Sergei Rachmaninow: sein letzter Zyklus von Klavierminiaturen und meiner Meinung nach auch seine Höchstleistung in dieser Gattung. Dem Anschein nach fiel es Rachmaninow nicht leicht, die kleinen Klavierstücke zu komponieren. „Ich mag diese Beschäftigung nicht, und es fällt mir schwer“, beklagte er sich 1910 bei seinem Freund, dem Musiktheoretiker Nikita Morosow, „weder Schönheit noch Freude sind darin.“ Und doch erschuf er einen Zyklus nach dem anderen – Salon- und Fantasie­stücke, Moments Musicaux, 24 Präludien und schließlich auch die zwei Bände Études-Tableaux, „Etüden-Bilder“. Die Entstehungshistorie der Miniaturen kann als Geschichte seiner eigenen Entwicklung als Künstler und Komponist betrachtet werden. So werden die Klaviertexturen mit der Zeit immer durchsichtiger, schlanker, muskulöser. Seine einzigartige, virtuose Weise fürs Klavier zu schreiben, schon in seinen ersten Werken präsent und hoch entwickelt, wird noch präziser und geschliffener, als ob er es jetzt besser verstand, die Wirkung jeder einzelnen Passage zu maximieren. Beide Etüden-Bände sind sehr sparsam komponiert, alles Überflüssige ist beseitigt. Gleichzeitig werden die musikalischen Ideen – ob angedeutete Fabel, Tongemälde oder Stimmungs- oder Gefühlsschilderung – immer klarer, liegen immer näher an der Oberfläche. Bei den Études Tableaux op. 39 habe ich manchmal das Gefühl, dass die Noten nur ein dünner Schleier sind, hinter dem sich ganze Welten verstecken, tief und wahr und mächtig, und wenn ich nur diesen Schleier beiseiteschieben könnte, dann würde ich Zugang zu diesen Welten erlangen. So faszinierend und verlockend sind diese Welten, dass die technischen Schwierigkeiten, so groß sie auch sein mögen, nur als vorläufige Herausforderung wahrgenommen werden, nie als Schwerpunkt oder Ziel: ein notwendiger und an sich interessanter Schritt, der zu etwas Größerem führt. Von diesem Standpunkt aus betrachtet ist der erste Bestandteil des Titels – Études – wenig sinnvoll. "Die Intervalle sind wie Fensterläden eines verlassenen Hauses, die im Winde klappern" Der zweite Bestandteil des Namens aber sehr wohl: die „Bilder“ sind die Seele dieses Zyklus. Und wie komplex, wie vielschichtig, wie reich sie sind! Da ist unvermittelt ein zorniges Knurren, tief unten im Bass-Register. Noch einmal wird gebrüllt, dann kommt ein kurzer, beißender Akkord. Dann Panik: schnelle, kurzatmige Arpeggien auf den oberen Bereichen der Tastatur. Rachmaninow selbst nannte die Etüde op. 39 Nr. 6 „Rotkäppchen und der böse Wolf“, und die Beziehung zwischen Erzählung und Musik ist leicht zu hören. Doch später wird die Geschichte durch Rachmaninows Fantasie verändert: Im Mittelteil wird eine grausame Jagd auf Rotkäppchen veranstaltet. Die vermutlichen Wölfe sind aber durch Motive dargestellt, die dem ursprünglichen Rotkäppchen-Motiv entstammen. Es ist, als ob Rotkäppchen von schauerlichen Doppelgängern verfolgt würde, von dunklen, verdorbenen Spiegelbildern seiner selbst. Was bedeutet es aber dann, dass das Stück mit einem letzten Knurren und einem scharfen Biss endet? Der Wolf hat anscheinend gewonnen. Aber wer war der Wolf? Klarer ist (vielleicht) die nächste Etüde (Nr. 7) in c-Moll. Ein schwerer Trauermarsch, durch schmerzliches Wehklagen unterbrochen, dazu später der ausgesprochen russische Klang eines gedämpften A-cappella-Chores. Und dann ein monotoner Schlag – eine tickende Uhr? Eine gemessen fortschreitende Menschenmenge? Oder, wie Rachmaninow es selbst meinte, ein feiner, end- und hoffnungsloser Regen? Eine Melodie erscheint, lang und mäandernd, allmählich in ein großes Crescendo erwachsend, das zu einem überwältigenden Glockengeläut führt – dem Höhepunkt. Die Coda nimmt den monotonen Schlag wieder auf, gemischt mit dem Thema des Marsches. Dann hört der Schlag auf, beginnt aufs Neue, hört wieder auf, es folgen zwei Akkorde in dreifachem Piano. Dann nichts mehr. Beide Beschreibungen sind ziemlich düster — das ist keine Ausnahme. Alles in allem beschäftigt sich der Zyklus eher mit den abgründigen, traurigen, dunklen Bereichen des Gefühlsspektrums. Es gibt sehr wenig Lyrisches oder gar Humor, helle Farben sind überhaupt nicht zu finden. Sogar die letzte Etüde, die einzige, die nicht in einer Molltonart komponiert ist, scheint eine kaum zurückgehaltene Drohung zu sein, ihre marschartigen Themen scheinen eher triumphierend als froh zu klingen. Innerhalb dieser Grenzen gelingt es Rachmaninow jedoch, eine enorme Nuancenvielfalt zu schaffen. Der verwirrte Tumult der ersten c-Moll-Etüde (Nr. 1) ist dem edlen und stürmischen Trotz der fis-Moll-Etüde (Nr. 3) nah und fern zugleich. Beide sind aufs Äußerste gespannt, gehen aber ihren Weg: die Nr. 1 zu einem totalen, schicksalsschweren Zusammenbruch, die Nr. 3 zu einer Coda, die wie die Auswirkung eines Kampfes klingt – entfernt und resigniert, mit leisen Wiederholungen der einst donnernden Motive. Am Ende stehen sieben wiederholte gleichmäßige Intervalle. Sie sind wie Fensterläden eines verlassenen Hauses, die im Winde klappern. Die Nr. 2 in a-Moll und die Nr. 8 in d-Moll sind Klanggemälde der Traurigkeit, aber die herbstlichen Farben der Nr. 8 gönnen uns mehr Wärme und Herzlichkeit als die erstarrte Stille der Nr. 2. „Die Möwen und das Meer“ hat Rachmaninow diese Etüde genannt, und als Tongemälde stimmt das auch. Aber wie viel mehr hört man darin! Besonders in der Coda, wo die Hoffnung zu enden scheint, aber die Melodie dann doch aufwärts strebt, sehnsuchtsvoll, anscheinend außerstande, sich mit ihrem Schicksal abzufinden. Den gesamten Zyklus zu spielen, ist eine tief empfundene Freude – Rachmaninow hat uns ein wahres Festessen angerichtet, sowohl für die Einbildungskraft als auch für die Gefühle. Die emotionale Intensität der neun Etüden ist so stark, dass wir uns ohne jede Beschränkung hineinstürzen können: Leidenschaft, Ärger, Herzeleid, Feuer und Schmerz können hineingegossen werden, und die Musik reagiert dankbar und wird dadurch noch stärker. Auf diese Weise wird jede Aufführung zu einer Entdeckungsreise, hochinteressant, ein wenig furchterregend, und am Ende immer sehr, sehr lohnend. Boris Giltburg Giltburgs Blog finden Sie unter www.borisgiltburg.wordpress.com Boris Giltburg: Rachmaninoff: Etudes-Tableaux & Moments musicaux Naxos (Naxos Deutschland Musik & Video Vertriebs-)

Crescendo

6. April

Beethoven besiegt Mozart - Der Menschenerzieher Beethoven beliebter als Menschenversteher Mozart

Zum ersten Mal siegt der Menschenerzieher Beethoven im Klassik-Ranking über den Menschenversteher Mozart. Unser Kolumnist wundert sich. Von Axel Brüggemann Über Rankings lässt sich prächtig streiten! Eine der wichtigsten Klassik-Listen bringt der britische Sender Classic FM heraus: Rund 200.000 Menschen wählen hier jedes Jahr ihre „Hall of Fame Charts“. Am Ende stehen 300 Werke auf der ewigen Bestenliste. Den deutschen Klassik-Fan mögen die Ergebnisse erstaunen. Aber sie sind ein trefflicher Anlass, um ein bisschen zu philosophieren: Über die Internationalität der Musik, über die Soundtracks in Hollywood und über das Duell der Komponisten-Giganten Beethoven und Mozart. Also los! In der Classic FM-Liste wird schnell deutlich, dass die Musik, die sich so gern als international und weltumspannend gibt, durchaus lokale Unterschiede aufweist. Wie sonst ist zu erklären, dass die meisten Briten ausgerechnet Ralph Vaughan Williams Werk „The Lark Ascending“ auf den ersten Platz wählten – und das schon im dritten Jahr hintereinander. Eine Wahl, die zeigt, dass der Geschmack in der Klassik durchaus etwas mit geografischen Vorlieben zu tun hat. Seit ich für „arte“ arbeite, weiß ich, wie unterschiedlich nicht nur der Geschmack über die Präsentationsformen von Musik in Frankreich und Deutschland ist, sondern dass sich auch das Kern-Repertoire der Länder grundsätzlich voneinander unterscheidet: Mehr Rameau, Chopin und Dutilleux dort, mehr Mahler, Strauss und Rihm hier. Logisch, dass auf russischen Bestenlisten auch mehr Tschaikowsky und Rachmaninov stehen. Klassik ist eben auch irgendwie patriotisch. Oder: Gewöhnungs- und Erziehungssache. Aber noch etwas erstaunt: die Popularität der Klassik in England wird viel massiver von der Unterhaltungskultur geprägt als anderenorts. Dass einer der großen Gewinner in diesem Jahr Beethovens 7. Sinfonie ist, liegt auch daran, dass sie den Soundtrack für „The King’s Speech“ abgegeben hat. Logisch, dass die Briten auch Filmkomponisten wie John Williams in die Top-300 neben Bach, Beethoven und Mozart wählen. In Deutschland behauptet die Klassik gern, unabhängig von anderen Künsten zu sein. Und besonders dem Kino gegenüber zeigen sich viele Künstler eher skeptisch. In Großbritannien wird es längst als einer der großen Werbe-Plattformen für Beethoven und Co verstanden. Das eigentlich Spannende der 2016er „Hall of Fame“ ist die grundlegende Neuverteilung der 300 Top-Plätze. Zum ersten Mal wird der bislang unangefochtene Megastar der Musik, Wolfgang Amadeus Mozart, als Komponist mit den meisten Stücken unter den Top 300 verdrängt und von Ludwig van Beethoven abgelöst. Der Komponist aus Salzburg ist mit 16 Kompositionen vertreten, der Meister aus Bonn erstmals mit 19. Das verwundert auch deshalb, weil allein Mozarts Werkkanon wesentlich größer ist: All seine Opern von „Zauberflöte“ über „Giovanni“,„Figaro“ und „Cosi“, dazu das Requiem, all die Sinfonien, die großartigen Werke für Kammermusik und, und, und. Beethoven tritt dagegen nur mit neun Sinfonien, einer Oper, fünf Klavierkonzerten, einigen Quartetten und Kirchenwerken an. Und dennoch: Der kleinere opus-Katalog aus Bonn hat das Köchelverzeichnis zum ersten Mal geschlagen. Das wirft so manch Frage auf. Wo bleibt Johann Sebastian Bach? – Ist er nicht der Größte aller Größten? Ist er nicht der Urvater von allem, der Gott unter den Göttern, die Musik aller Musik? Okay, vielleicht sind seine Werke nicht so populär und eingängig wie die von Mozart und Beethoven und vielleicht kommen sie vielen Classic FM-Hörern auch nicht mehr wirklich zeitgemäß vor. Aber vielleicht liegt es auch einfach daran, dass Bach seltener als Filmsoundtrack benutzt wird und seltener in einem weichgespülten Radio wie Classic FM auf der Sendeliste steht. Wie auch immer, mein Plädoyer: Nächstes Jahr einfach mal mehr „Musik wagen“ und Bach wählen! Grundsätzlicher ist die Frage, was es über unsere Zeit aussagt, dass wir zum ersten Mal Beethoven besser finden als Mozart. In diesem Zusammenhang ist spannend, zu fragen, wofür die Komponisten eigentlich stehen. Mozart ist ein Menschenversteher: Egal, wie böse seine Helden sind, irgendwie liebt er sie alle. Mozart mag uns samt unserer Fehler und Schwächen, Politik findet bei ihm immer nur im Mikrokosmos der Zwischenmenschlichkeit statt. Ganz anders Beethoven, dieser einmalige Menschenerzieher. Er ist ein Behauptungsmusiker und ein Revolutionär. Seine Sinfonien sind länger als alles, was zuvor gehört wurde, seine Quartette disharmonischer als es die Regeln seiner Zeit erlaubten. Und dazu immer wieder der Anspruch des Musikers als konkreter Politiker: „Fidelio“ und 9. Sinfonie als schreiende Feiermusiken der Menschlichkeit, die „Dritte“ als Fest des kämpfenden Helden, die „Fünfte“ als unausweichbares Schicksal. Es scheint, als könne unsere Zeit mit Mozarts menschlichen Zwischentönen inzwischen weniger anfangen als mit dem politischen Poltern Beethovens. Fortissimo und Sforzandi scheinen besser in die Zeit unserer Extreme zu passen, in eine Gegenwart, die auf Konfrontation statt auf die Lust am Miteinander ausgerichtet ist. Beethoven ist der kämpferischere der beiden Komponisten, der vermeintlich provokantere, der lautere. Mozarts Sinn für das milde Lächeln, selbst im Angesicht des Todes, scheint derzeit dagegen leider ein bisschen außerhalb unserer Moden zu liegen. Bleibt die Frage nach dem Musikalischen. Tatsächlich ist es so, dass sich nicht nur die Wähler, die bei Classic FM mitgemacht haben, derzeit lieber an Beethoven abarbeiten, sondern auch die Musiker selber. Beethoven ist so etwas wie der Maßstab des eigenen Könnens geworden. Vielleicht ist es Zufall, dass Mozarts Verdrängung von Platz eins in jene Zeit fällt, in der Nikolaus Harnoncourt von uns gegangen ist. Er war es, der in den letzten Jahrzehnten einen vollkommen neuen Mozart erfunden hat, einen Mozart, den heute vielleicht höchstens noch René Jacobs und Theodor Currentzis verteidigen. Einen Mozart der emotionalen Extreme, einen Mozart, dessen große Welt in den Innenwelten seiner Charaktere stattfindet. Aber es war eben auch Harnoncourt, der mit seinem Concentus Musicus in Sachen Beethoven vorgelegt hat (wohl auch, um sich endlich an Karajan abzuarbeiten). Beethovens Sinfonien und Klavierkonzerte scheinen gerade heute wieder so etwas wie eine Messlatte im internationalen Klassik-Geschäft zu sein: Paavo Järvis Ruhm und der seiner Kammerphilharmonie Bremen basieren auf ihrer Beethoven-Interpretation, Christian Thielemann hat die neun Sinfonien kürzlich mit den Wiener Philharmonikern aufgenommen und damit einen Kontrast zu Simon Rattles Wiener Aufnahe gesetzt. Der wiederum hat die Sinfonien nun noch einmal gemeinsam mit seinen Berlinern als Labor-Arbeit verstanden und aufgenommen. An Beethoven messen sich seit jeher die großen Pianisten (Rudolf Buchbinder seit Jahren, nun nimmt ihn auch Igor Levit als Gratmesser). Ganz zu schweigen davon, dass seine Quartette für jedes Kammermusikensemble ein non plus ultra darstellen. Irgendwie ist es heute tatsächlich seine Musik, an der man die Gegenwärtigkeit eines Klangkörpers, eines Dirigenten, eines Solisten oder eines Kammermusikensembles ablesen kann. Kein anderer Komponist scheint so ideal als Maßstab zu dienen wie Beethoven. Er ist – anders als Mozart und besonders Bach – wohl am besten für jede Art von Kompetition und Wettbewerb geeignet und verleitet zur Leistungsschau der eigenen Interpretation. Vielleicht sind all diese Gedanken Grund genug für Rankings wie jenes von Classic FM. Sie zeigen uns vor allen Dingen unseren Blick auf die Musik, erklären, was für Komponisten uns in unserer Gegenwart besonders wichtig sind und durch welche ganz weltlichen Zusammenhänge es uns zu dieser oder zu jener Musik zieht. Für das kommende Jahr drücke ich persönlich dann wider Mozart die Daumen, weil ich persönlich lieber in seiner Welt des Seinlassens leben würde als in der belehrenden Welt Beethovens. Aber das ist Geschmackssache. Und hier noch die Top-20 der Classic FM-Liste. 1 Vaughan Williams The Lark Ascending 2 RachmaninovPiano Concerto No.2 3 Vaughan Williams Fantasia on a Theme by Thomas Tallis 4 ElgarEnigma Variations 5 BeethovenPiano Concerto No.5 (‘Emperor’) 6 Allegri Miserere 7 Mozart Clarinet Concerto 8 Beethoven Symphony No.6 (‘Pastoral’) 9 BeethovenSymphony No.9 (‘Choral’) 10 ElgarCello Concerto 11 BruchViolin Concerto No.1 12 BarberAdagio for Strings 13 Tchaikovsky 1812 Overture 14 HolstThe Planets1 15 Jenkins The Armed Man: A Mass for Peace 16 Pachelbel Canon in D major 17 Uematsu Final Fantasy 18 Dvorak Symphony No.9 (‘From the New World’) 19 BeethovenSymphony No.7 20 BachBrandenburg Concertos




Crescendo

9. März

Der unheimliche Pianist - Lucas Debargue: Der unheimliche Pianist

Während andere jahrelang an ihrer Technik feilten, studierte Lucas Debargue lieber Literatur und saß an Supermarktkassen. Nur – er hat die anderen längst abgehängt.Als spätberufener Senkrechtstarter überraschte Lucas Debargue im vergangenen Sommer Jury und Publikum beim renommierten Tschaikowsky-Wettbewerb in Moskau. Mit seinem virtuosen, energiegeladenen Klavierspiel kam der unkonventionelle Franzose aus dem Stand auf den vierten Platz und erhielt den Preis der Musikkritiker. In den Feuilletons wird seither fleißig an einem neuen Mythos gestrickt. Denn Debargue begann erst mit elf Jahren zu spielen, rührte dann als Teenager jahrelang kein Instrument mehr an, studierte Literatur und verdiente sein Geld zeitweise als Kassierer im Supermarkt. Kein Wunderkind, dafür ein Autodidakt, dessen Genialität fast etwas Unheimliches anhaftet? Etliches von dem, was über ihn geschrieben wurde, verweist Debargue ins Reich der Fabel. „Ich habe keineswegs allein und nur nach Gehör zu musizieren angefangen“, erklärt der Pianist, inzwischen 25 Jahre alt, während er eindringlich durch seine Brille mit schwarzem Rand blickt. Seine erste Lehrerin in der nordfranzösischen Stadt Compiègne, Madame Meunier, half ihm dabei, seinen Weg als Künstler zu finden. Doch erst vier Jahre vor dem Tschaikowsky-Wettbewerb begann er, sich ernsthaft auf eine professionelle Karriere vorzubereiten. Seitdem wird er von der erfahrenen, russischen Klavierpädagogin Rena Shereshevskaya betreut. Im Grunde lasse sich Musik aber nicht lehren, davon ist Lucas Debargue überzeugt. Klavierspielen könne man sich nur selbst aneignen, allerdings nicht ohne ständigen geistigen Austausch mit anderen. Shereshevskaya machte ihn fit für Moskau, wo er unter anderem mit Ravels vertrackter Tondichtung Gaspard de la nuit, Beethovens Siebter Klaviersonate und Tschaikowskys Klavierkonzert Nr. 1 Beifall einheimste. Zu seinem Repertoire gehörte auch eine Sonate des selbst in seiner Heimat Russland selten gespielten Komponisten Nikolai Medtner. Schirmherr Valery Gergiev war derart überzeugt, dass er den Viertplatzierten entgegen aller Regeln beim Galakonzert der Preisträger auftreten ließ. Führt er seit dem Wettbewerb ein anderes Leben? Debargue, der jetzt viele Konzerte gibt und in Berlin bereits sein zweites Soloalbum aufgenommen hat, muss nicht lange nachdenken. „Rein äußerlich hat sich alles verändert, in meinem Inneren dagegen nicht. Die Suche nach Klarheit und das Bedürfnis weiterzukommen, all dies ist geblieben. Die vielen Menschen um mich herum zu ertragen, ist weitaus schwieriger, als sich auf die Musik zu konzentrieren. Aus der Musik schöpfe ich immer wieder neue Kraft.“ Mit entschlossener Stimme formuliert Debargue Erkenntnisse, die kaum je einen Moment des Zweifelns zulassen. Er strebe nach „clarté“, einer Klarheit des Ausdrucks, die ihm dabei helfe, sich in dieser Welt zu verorten, bekennt er. „Ich spüre das Bedürfnis, meine Erfahrung mit den Dingen in einem Minimum eindeutiger Worte zu konzentrieren. Das hilft mir bei der Suche nach einer klaren Form, in der ich als Interpret die Inhalte der Musik vermitteln kann.“ Manch einer hat sich gefragt, wie er so blitzartig in den Klavier-Olymp aufsteigen konnte. „Anfangs war ich erschrocken, als man mich fragte, wie ich das geschafft hatte“, gibt er zu. „Doch was spricht dagegen, dass es im Leben nicht auch mal rasch vorangehen kann? Letztlich kommt es doch auf die Legitimität des eigenen Tuns an.“ Auf seiner ersten, im April erscheinenden CD, die bei einem Recital im Pariser Salle Cortot aufgenommen wurde, präsentiert Debargue ein breit gefächertes Repertoire, von Sonaten des Barockkomponisten Domenico Scarlatti über Werke von Schubert, Chopin, Liszt, Grieg und Ravel bis hin zu eigenen Improvisationen. Für die Zukunft hat er sich unter anderem die Zweite Klaviersonate des Polen Szymanowski vorgenommen – „ein geniales Stück, aber auch ein Monstrum für einen Pianisten“. Jahre bevor er Klavierspielen lernte, entdeckte Debargue mit Mozart die klassische Musik. „Der Film „Amadeus“ hat mich absolut fasziniert. Später begann ich mich für Bach und dann vor allem für Rachmaninow, Prokofjew und Skrjabin zu interessieren.“ Unter den Franzosen sind die Romantiker Emmanuel ­Chabrier und Georges Bizet seine größten Favoriten. „Zwei Genies, die viel zu früh verstorben sind. Meiner Ansicht nach sind sie wichtiger als Ravel und Debussy.“ Der größte Komponist pianistischer Werke bleibt für ihn allerdings Chopin. „Er hat ein Universum für das Klavier geschaffen. Leider sind viele aktuelle Interpretationen viel zu beliebig. Jeder meint heute zu wissen, wie man ein Rubato spielen sollte. In Wirklichkeit kommt wenig dabei heraus. Lieber höre ich mir ältere Aufnahmen an, etwa Chopins Dritte Ballade, gespielt von Rachmaninow. Unglaublich!“ Als Klavier-Fetischist sieht sich Debargue aber nicht. „Eigentlich liegt mir gar nicht so viel an diesem Instrument. Es dient mir hauptsächlich dazu, Musik zu machen. Auch in Zeiten, in denen ich nicht spiele, ist mir die Musik immer nahe.“ Vor Auftritten habe er stets Lampenfieber, gibt er zu. „Die ersten fünf Minuten eines Konzerts sind besonders heikel. Man muss einen kühlen Kopf bewahren und sollte keine Experimente wagen. Wenn diese fünf Minuten überstanden sind, kann eigentlich nichts mehr passieren.“ Corina Kolbe Lucas Debargue: Scarlatti,Chopin,Liszt,Ravel Sony Classical (Sony Music)



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