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Klassische Musik und Oper von Classissima

Sergei Rachmaninow

Mittwoch 25. Mai 2016


Crescendo

6. April

Beethoven besiegt Mozart - Der Menschenerzieher Beethoven beliebter als Menschenversteher Mozart

Crescendo Zum ersten Mal siegt der Menschenerzieher Beethoven im Klassik-Ranking über den Menschenversteher Mozart. Unser Kolumnist wundert sich. Von Axel Brüggemann Über Rankings lässt sich prächtig streiten! Eine der wichtigsten Klassik-Listen bringt der britische Sender Classic FM heraus: Rund 200.000 Menschen wählen hier jedes Jahr ihre „Hall of Fame Charts“. Am Ende stehen 300 Werke auf der ewigen Bestenliste. Den deutschen Klassik-Fan mögen die Ergebnisse erstaunen. Aber sie sind ein trefflicher Anlass, um ein bisschen zu philosophieren: Über die Internationalität der Musik, über die Soundtracks in Hollywood und über das Duell der Komponisten-Giganten Beethoven und Mozart. Also los! In der Classic FM-Liste wird schnell deutlich, dass die Musik, die sich so gern als international und weltumspannend gibt, durchaus lokale Unterschiede aufweist. Wie sonst ist zu erklären, dass die meisten Briten ausgerechnet Ralph Vaughan Williams Werk „The Lark Ascending“ auf den ersten Platz wählten – und das schon im dritten Jahr hintereinander. Eine Wahl, die zeigt, dass der Geschmack in der Klassik durchaus etwas mit geografischen Vorlieben zu tun hat. Seit ich für „arte“ arbeite, weiß ich, wie unterschiedlich nicht nur der Geschmack über die Präsentationsformen von Musik in Frankreich und Deutschland ist, sondern dass sich auch das Kern-Repertoire der Länder grundsätzlich voneinander unterscheidet: Mehr Rameau, Chopin und Dutilleux dort, mehr Mahler, Strauss und Rihm hier. Logisch, dass auf russischen Bestenlisten auch mehr Tschaikowsky und Rachmaninov stehen. Klassik ist eben auch irgendwie patriotisch. Oder: Gewöhnungs- und Erziehungssache. Aber noch etwas erstaunt: die Popularität der Klassik in England wird viel massiver von der Unterhaltungskultur geprägt als anderenorts. Dass einer der großen Gewinner in diesem Jahr Beethovens 7. Sinfonie ist, liegt auch daran, dass sie den Soundtrack für „The King’s Speech“ abgegeben hat. Logisch, dass die Briten auch Filmkomponisten wie John Williams in die Top-300 neben Bach, Beethoven und Mozart wählen. In Deutschland behauptet die Klassik gern, unabhängig von anderen Künsten zu sein. Und besonders dem Kino gegenüber zeigen sich viele Künstler eher skeptisch. In Großbritannien wird es längst als einer der großen Werbe-Plattformen für Beethoven und Co verstanden. Das eigentlich Spannende der 2016er „Hall of Fame“ ist die grundlegende Neuverteilung der 300 Top-Plätze. Zum ersten Mal wird der bislang unangefochtene Megastar der Musik, Wolfgang Amadeus Mozart, als Komponist mit den meisten Stücken unter den Top 300 verdrängt und von Ludwig van Beethoven abgelöst. Der Komponist aus Salzburg ist mit 16 Kompositionen vertreten, der Meister aus Bonn erstmals mit 19. Das verwundert auch deshalb, weil allein Mozarts Werkkanon wesentlich größer ist: All seine Opern von „Zauberflöte“ über „Giovanni“,„Figaro“ und „Cosi“, dazu das Requiem, all die Sinfonien, die großartigen Werke für Kammermusik und, und, und. Beethoven tritt dagegen nur mit neun Sinfonien, einer Oper, fünf Klavierkonzerten, einigen Quartetten und Kirchenwerken an. Und dennoch: Der kleinere opus-Katalog aus Bonn hat das Köchelverzeichnis zum ersten Mal geschlagen. Das wirft so manch Frage auf. Wo bleibt Johann Sebastian Bach? – Ist er nicht der Größte aller Größten? Ist er nicht der Urvater von allem, der Gott unter den Göttern, die Musik aller Musik? Okay, vielleicht sind seine Werke nicht so populär und eingängig wie die von Mozart und Beethoven und vielleicht kommen sie vielen Classic FM-Hörern auch nicht mehr wirklich zeitgemäß vor. Aber vielleicht liegt es auch einfach daran, dass Bach seltener als Filmsoundtrack benutzt wird und seltener in einem weichgespülten Radio wie Classic FM auf der Sendeliste steht. Wie auch immer, mein Plädoyer: Nächstes Jahr einfach mal mehr „Musik wagen“ und Bach wählen! Grundsätzlicher ist die Frage, was es über unsere Zeit aussagt, dass wir zum ersten Mal Beethoven besser finden als Mozart. In diesem Zusammenhang ist spannend, zu fragen, wofür die Komponisten eigentlich stehen. Mozart ist ein Menschenversteher: Egal, wie böse seine Helden sind, irgendwie liebt er sie alle. Mozart mag uns samt unserer Fehler und Schwächen, Politik findet bei ihm immer nur im Mikrokosmos der Zwischenmenschlichkeit statt. Ganz anders Beethoven, dieser einmalige Menschenerzieher. Er ist ein Behauptungsmusiker und ein Revolutionär. Seine Sinfonien sind länger als alles, was zuvor gehört wurde, seine Quartette disharmonischer als es die Regeln seiner Zeit erlaubten. Und dazu immer wieder der Anspruch des Musikers als konkreter Politiker: „Fidelio“ und 9. Sinfonie als schreiende Feiermusiken der Menschlichkeit, die „Dritte“ als Fest des kämpfenden Helden, die „Fünfte“ als unausweichbares Schicksal. Es scheint, als könne unsere Zeit mit Mozarts menschlichen Zwischentönen inzwischen weniger anfangen als mit dem politischen Poltern Beethovens. Fortissimo und Sforzandi scheinen besser in die Zeit unserer Extreme zu passen, in eine Gegenwart, die auf Konfrontation statt auf die Lust am Miteinander ausgerichtet ist. Beethoven ist der kämpferischere der beiden Komponisten, der vermeintlich provokantere, der lautere. Mozarts Sinn für das milde Lächeln, selbst im Angesicht des Todes, scheint derzeit dagegen leider ein bisschen außerhalb unserer Moden zu liegen. Bleibt die Frage nach dem Musikalischen. Tatsächlich ist es so, dass sich nicht nur die Wähler, die bei Classic FM mitgemacht haben, derzeit lieber an Beethoven abarbeiten, sondern auch die Musiker selber. Beethoven ist so etwas wie der Maßstab des eigenen Könnens geworden. Vielleicht ist es Zufall, dass Mozarts Verdrängung von Platz eins in jene Zeit fällt, in der Nikolaus Harnoncourt von uns gegangen ist. Er war es, der in den letzten Jahrzehnten einen vollkommen neuen Mozart erfunden hat, einen Mozart, den heute vielleicht höchstens noch René Jacobs und Theodor Currentzis verteidigen. Einen Mozart der emotionalen Extreme, einen Mozart, dessen große Welt in den Innenwelten seiner Charaktere stattfindet. Aber es war eben auch Harnoncourt, der mit seinem Concentus Musicus in Sachen Beethoven vorgelegt hat (wohl auch, um sich endlich an Karajan abzuarbeiten). Beethovens Sinfonien und Klavierkonzerte scheinen gerade heute wieder so etwas wie eine Messlatte im internationalen Klassik-Geschäft zu sein: Paavo Järvis Ruhm und der seiner Kammerphilharmonie Bremen basieren auf ihrer Beethoven-Interpretation, Christian Thielemann hat die neun Sinfonien kürzlich mit den Wiener Philharmonikern aufgenommen und damit einen Kontrast zu Simon Rattles Wiener Aufnahe gesetzt. Der wiederum hat die Sinfonien nun noch einmal gemeinsam mit seinen Berlinern als Labor-Arbeit verstanden und aufgenommen. An Beethoven messen sich seit jeher die großen Pianisten (Rudolf Buchbinder seit Jahren, nun nimmt ihn auch Igor Levit als Gratmesser). Ganz zu schweigen davon, dass seine Quartette für jedes Kammermusikensemble ein non plus ultra darstellen. Irgendwie ist es heute tatsächlich seine Musik, an der man die Gegenwärtigkeit eines Klangkörpers, eines Dirigenten, eines Solisten oder eines Kammermusikensembles ablesen kann. Kein anderer Komponist scheint so ideal als Maßstab zu dienen wie Beethoven. Er ist – anders als Mozart und besonders Bach – wohl am besten für jede Art von Kompetition und Wettbewerb geeignet und verleitet zur Leistungsschau der eigenen Interpretation. Vielleicht sind all diese Gedanken Grund genug für Rankings wie jenes von Classic FM. Sie zeigen uns vor allen Dingen unseren Blick auf die Musik, erklären, was für Komponisten uns in unserer Gegenwart besonders wichtig sind und durch welche ganz weltlichen Zusammenhänge es uns zu dieser oder zu jener Musik zieht. Für das kommende Jahr drücke ich persönlich dann wider Mozart die Daumen, weil ich persönlich lieber in seiner Welt des Seinlassens leben würde als in der belehrenden Welt Beethovens. Aber das ist Geschmackssache. Und hier noch die Top-20 der Classic FM-Liste. 1 Vaughan Williams The Lark Ascending 2 RachmaninovPiano Concerto No.2 3 Vaughan Williams Fantasia on a Theme by Thomas Tallis 4 ElgarEnigma Variations 5 BeethovenPiano Concerto No.5 (‘Emperor’) 6 Allegri Miserere 7 Mozart Clarinet Concerto 8 Beethoven Symphony No.6 (‘Pastoral’) 9 BeethovenSymphony No.9 (‘Choral’) 10 ElgarCello Concerto 11 BruchViolin Concerto No.1 12 BarberAdagio for Strings 13 Tchaikovsky 1812 Overture 14 HolstThe Planets1 15 Jenkins The Armed Man: A Mass for Peace 16 Pachelbel Canon in D major 17 Uematsu Final Fantasy 18 Dvorak Symphony No.9 (‘From the New World’) 19 BeethovenSymphony No.7 20 BachBrandenburg Concertos

Crescendo

9. März

Der unheimliche Pianist - Lucas Debargue: Der unheimliche Pianist

Während andere jahrelang an ihrer Technik feilten, studierte Lucas Debargue lieber Literatur und saß an Supermarktkassen. Nur – er hat die anderen längst abgehängt.Als spätberufener Senkrechtstarter überraschte Lucas Debargue im vergangenen Sommer Jury und Publikum beim renommierten Tschaikowsky-Wettbewerb in Moskau. Mit seinem virtuosen, energiegeladenen Klavierspiel kam der unkonventionelle Franzose aus dem Stand auf den vierten Platz und erhielt den Preis der Musikkritiker. In den Feuilletons wird seither fleißig an einem neuen Mythos gestrickt. Denn Debargue begann erst mit elf Jahren zu spielen, rührte dann als Teenager jahrelang kein Instrument mehr an, studierte Literatur und verdiente sein Geld zeitweise als Kassierer im Supermarkt. Kein Wunderkind, dafür ein Autodidakt, dessen Genialität fast etwas Unheimliches anhaftet? Etliches von dem, was über ihn geschrieben wurde, verweist Debargue ins Reich der Fabel. „Ich habe keineswegs allein und nur nach Gehör zu musizieren angefangen“, erklärt der Pianist, inzwischen 25 Jahre alt, während er eindringlich durch seine Brille mit schwarzem Rand blickt. Seine erste Lehrerin in der nordfranzösischen Stadt Compiègne, Madame Meunier, half ihm dabei, seinen Weg als Künstler zu finden. Doch erst vier Jahre vor dem Tschaikowsky-Wettbewerb begann er, sich ernsthaft auf eine professionelle Karriere vorzubereiten. Seitdem wird er von der erfahrenen, russischen Klavierpädagogin Rena Shereshevskaya betreut. Im Grunde lasse sich Musik aber nicht lehren, davon ist Lucas Debargue überzeugt. Klavierspielen könne man sich nur selbst aneignen, allerdings nicht ohne ständigen geistigen Austausch mit anderen. Shereshevskaya machte ihn fit für Moskau, wo er unter anderem mit Ravels vertrackter Tondichtung Gaspard de la nuit, Beethovens Siebter Klaviersonate und Tschaikowskys Klavierkonzert Nr. 1 Beifall einheimste. Zu seinem Repertoire gehörte auch eine Sonate des selbst in seiner Heimat Russland selten gespielten Komponisten Nikolai Medtner. Schirmherr Valery Gergiev war derart überzeugt, dass er den Viertplatzierten entgegen aller Regeln beim Galakonzert der Preisträger auftreten ließ. Führt er seit dem Wettbewerb ein anderes Leben? Debargue, der jetzt viele Konzerte gibt und in Berlin bereits sein zweites Soloalbum aufgenommen hat, muss nicht lange nachdenken. „Rein äußerlich hat sich alles verändert, in meinem Inneren dagegen nicht. Die Suche nach Klarheit und das Bedürfnis weiterzukommen, all dies ist geblieben. Die vielen Menschen um mich herum zu ertragen, ist weitaus schwieriger, als sich auf die Musik zu konzentrieren. Aus der Musik schöpfe ich immer wieder neue Kraft.“ Mit entschlossener Stimme formuliert Debargue Erkenntnisse, die kaum je einen Moment des Zweifelns zulassen. Er strebe nach „clarté“, einer Klarheit des Ausdrucks, die ihm dabei helfe, sich in dieser Welt zu verorten, bekennt er. „Ich spüre das Bedürfnis, meine Erfahrung mit den Dingen in einem Minimum eindeutiger Worte zu konzentrieren. Das hilft mir bei der Suche nach einer klaren Form, in der ich als Interpret die Inhalte der Musik vermitteln kann.“ Manch einer hat sich gefragt, wie er so blitzartig in den Klavier-Olymp aufsteigen konnte. „Anfangs war ich erschrocken, als man mich fragte, wie ich das geschafft hatte“, gibt er zu. „Doch was spricht dagegen, dass es im Leben nicht auch mal rasch vorangehen kann? Letztlich kommt es doch auf die Legitimität des eigenen Tuns an.“ Auf seiner ersten, im April erscheinenden CD, die bei einem Recital im Pariser Salle Cortot aufgenommen wurde, präsentiert Debargue ein breit gefächertes Repertoire, von Sonaten des Barockkomponisten Domenico Scarlatti über Werke von Schubert, Chopin, Liszt, Grieg und Ravel bis hin zu eigenen Improvisationen. Für die Zukunft hat er sich unter anderem die Zweite Klaviersonate des Polen Szymanowski vorgenommen – „ein geniales Stück, aber auch ein Monstrum für einen Pianisten“. Jahre bevor er Klavierspielen lernte, entdeckte Debargue mit Mozart die klassische Musik. „Der Film „Amadeus“ hat mich absolut fasziniert. Später begann ich mich für Bach und dann vor allem für Rachmaninow, Prokofjew und Skrjabin zu interessieren.“ Unter den Franzosen sind die Romantiker Emmanuel ­Chabrier und Georges Bizet seine größten Favoriten. „Zwei Genies, die viel zu früh verstorben sind. Meiner Ansicht nach sind sie wichtiger als Ravel und Debussy.“ Der größte Komponist pianistischer Werke bleibt für ihn allerdings Chopin. „Er hat ein Universum für das Klavier geschaffen. Leider sind viele aktuelle Interpretationen viel zu beliebig. Jeder meint heute zu wissen, wie man ein Rubato spielen sollte. In Wirklichkeit kommt wenig dabei heraus. Lieber höre ich mir ältere Aufnahmen an, etwa Chopins Dritte Ballade, gespielt von Rachmaninow. Unglaublich!“ Als Klavier-Fetischist sieht sich Debargue aber nicht. „Eigentlich liegt mir gar nicht so viel an diesem Instrument. Es dient mir hauptsächlich dazu, Musik zu machen. Auch in Zeiten, in denen ich nicht spiele, ist mir die Musik immer nahe.“ Vor Auftritten habe er stets Lampenfieber, gibt er zu. „Die ersten fünf Minuten eines Konzerts sind besonders heikel. Man muss einen kühlen Kopf bewahren und sollte keine Experimente wagen. Wenn diese fünf Minuten überstanden sind, kann eigentlich nichts mehr passieren.“ Corina Kolbe Lucas Debargue: Scarlatti,Chopin,Liszt,Ravel Sony Classical (Sony Music)






Crescendo

27. Januar

Wasserwerk - Hélène Grimaud: Wasserwerk

Pianistin Hélène Grimaud schuf zusammen mit Multitalent Nitin Sawhney ein neues Album, das sich auf lyrische Weise mit dem wichtigsten Rohstoff der Erde auseinandersetzt.Für das Populärmusik-Magazin Deccan Chronicle vom 29. Dezember 2015 ist das Ranking der Klassikkünstler eindeutig: Hélène Grimaud gehört in diesen Zeiten zu den „Top Four der klassischen Pianisten“, außerdem weist das Magazin darauf hin, dass Nitin Sawhney ihr neues Album produziert. Und auch hier gilt: The more it sells, the better it is. Außer Zweifel steht, dass sich für das Projekt „Water“ mit Sawhney und Grimaud zwei Seelenverwandte aufeinander eingelassen haben. Doch bleiben wir zunächst bei Hélène Grimaud: 1969 in Aix-en-Provence geboren und aufgewachsen, hat sie sich in Frankreich nie so richtig heimisch gefühlt: Mit überwiegend jüdischen Vorfahren aus Deutschland, Italien und Nordafrika wollte sie stets der Enge der Grande Nation entkommen und war seit ihrer Kindheit rebellisch und eigensinnig veranlagt. Sie brach das Studium am Pariser Conservatoire ab, als sie sich in ihrer Entfaltung behindert fühlte. Auch brauchte sie keinen großen Wettbewerbserfolg, um Karriere zu machen. Stattdessen übte sie ihr CD-Debütprogramm mit schwersten Kalibern von Rachmaninow innerhalb von drei Wochen ein und überraschte die musikalische Welt als blutjunge Exklusivkünstlerin des bis in die Neunzigerjahre omnipräsenten japanischen Labels Denon. Daniel Barenboim lud sie als Solistin zum Orchestre de Paris ein, und nach dem Crash von Denon wechselte sie zu Barenboims damaligem Stammlabel Teldec. Als Teldec von Warner geschluckt wurde, nahm die Deutsche Grammophon die mittlerweile weltbekannte Künstlerin mit offenen Armen auf, und man hat ihr seither freie Hand bei der Gestaltung ihrer teils sehr extravaganten Albumprogramme gelassen. Der kommerzielle Erfolg hat diese Freizügigkeit bestätigt, und Hélène Grimaud ist heute eine der wenigen Instrumentalisten, deren Name außerhalb von Fachkreisen einem breiten Publikum geläufig ist, was natürlich auch mit ihrer bekannten Passion für Wölfe, ihrer literarischen Eloquenz und ihrem attraktiven Erscheinungsbild zu tun hat. "Weder für Sawhney noch für ­Grimaud besteht der geringste ­Zweifel, dass sie die Musik nicht ­„machen“, sondern sich lediglich als Medien zur Verfügung stellen" Nitin Sawhney stammt aus Rochester, etwas außerhalb von London. Er ist ein Sohn indischer Einwanderer und hat früh Erfahrungen mit Diskriminierung und Ausgrenzung gemacht, den weißen Rassismus sozusagen „von der Pike auf“ kennengelernt. Auch er durfte sich nicht heimisch fühlen, was in ihm den unwiderstehlichen Antrieb hervorrief, als Musiker keinerlei Begrenzungen zu akzeptieren und alle Stilmittel, die die heutige Welt bereithält, in wechselseitiger Durchdringung zum Einsatz zu bringen. Als ausgezeichneter Pianist und herausragender Gitarrist hat er nicht nur Meisterschaft im Spiel der komplexen Raga-Musik der Heimat seiner Eltern erreicht, sondern dank seiner immensen Begabung ein globales Spektrum musikalischer Kultur erobert, das er unentwegt erweitert. Sawhney ist in Flamenco, bei Bach und Debussy, in Jazz und Funk ebenso zu Hause wie in allen Stilrichtungen der Pop- und Rockmusik bis hin zum Punk, als Komponist von Filmmusik und Videogame-Soundtracks ist er nicht weniger bekannt – sogar als revolutionärer DJ, Produzent oder Coach. Er hat mit Paul McCartney, David Gilmour, Shakira, Sting und Anoushka Shankar zusammengearbeitet, und es war nur eine Frage der Zeit, wann er erstmals mit einem bekannten klassischen Musiker hervortreten würde. Sawhney lehnt den Terminus „Weltmusik“ als rassistische Verniedlichung ab, es sei denn, man bezeichnete alle Musik als Weltmusik. Was nun Hélène Grimaud und Nitin Sawhney auf der biografischen Ebene eint, ist die Tatsache, dass sie beide früh in der Musik eine Zuflucht gefunden haben, die sie die schmerzhaften Erfahrungen der äußeren Welt überwinden ließ. Auf der ideellen Ebene ist die Übereinstimmung der beiden Künstler so offenkundig, dass ihr Zusammentreffen nicht als Zufall abgetan werden kann: Beide sind überzeugt, dass es eine höhere Intelligenz hinter den Erscheinungen der sicht- und messbaren Welt gibt, eine göttliche Intelligenz, die von den einander bekriegenden Religionen nicht für den heutigen Menschen geeint werden kann. Wenn schon religiös, dann müsste es eine panreligiöse Naturreligion sein, die zugleich aufgeklärt ist und den Naturwissenschaften ein ethisches Fundament gibt. Und als Musiker besteht weder für Sawhney noch für Grimaud der geringste Zweifel, dass sie die Musik nicht „machen“, sondern sich lediglich als Medien zur Verfügung stellen, damit geschehen kann, was bereits vorgeformt ist. Exemplarisch hierfür steht die auf Michelangelo zurückgehende Aussage des Bildhauers, er mache nicht die Skulptur, sondern schlage nur das weg, was nicht dazugehört.

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